6. Dezember 2010

Schublade

Bei Kollegin Braun hat endlich mal jemand kommentiert warum die Rechtsanwälte einen so schlechten Ruf haben:
Es gibt auch Menschen, die ihr Mitgefühl für andere Mitmenschen nicht während ihres Jura-Studiums verloren haben. Bei Ihnen zeichnet sich immer wieder ihre Verachtung für minderbemittelte Mitbürger ab. Sie haben Ihren Beruf sicherlich nicht aus Berufung gewählt und Sie sind das beste Beispiel dafür, warum Rechtsanwälte so einen schlechten Ruf haben.

Natürlich anonym, das ist das feine am Internet. Klar, Anwälte sind reich und müssten eigentlich mal für umsonst arbeiten.
Lieber Anonym, kann ich da nur sagen. Ich habe das Mitgefühl erst nach dem Studium ein wenig verloren. Ich verlange Geld für meine Arbeit (zumindest meistens). Und wenn Sie mir den Gegenwert meiner Schublade bezahlen, in der nur ein Teil der unbezahlten Honorare aufbewahrt wird (ich tituliere kaum noch, kostet nur Geld), dann dürfen Sie mich auch beschimpfen. Alle F-Wörten dürfen Sie hier posten. Nach 15 Jahren liege ich so ungefähr mit 40.000 € im Rennen. Sie können Ihr Herz für Minderbemittelte zeigen und überweisen deren Schulden an mich. Z.B. für jene Minderbemittelten, die einfach zu faul sind, ein Formular für Prozesskostenhilfe auszufüllen.
Oder anders: Sie arbeiten bei mir, und ich sag Ihnen immer erst nachher, ob ich auch Lust habe zu bezahlen. Wäre das nicht schön?
Erst neulich war ich übrigens mal wieder vor Gericht: der Arbeitgeber hatte dem Arbeitnehmer in sechs Monaten über 1000 € zu wenig bezahlt. Prozesskostenhilfe für den minderbemittelten Arbeitnehmer gabs schon nach einem halben Jahr.

Kommentare:

  1. Wenn ich eines gelernt habe in 7 Jahren Anwaltstaetigkeit, ist es das: Ohne Vorschusszahlung und regelmaessige Zwischenzahlungen gibt es ueberhaput nichts. Wenn das Geld ausgeht, hoere ich auf zu arbeiten. Radikal.

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  2. Leider geht es nicht anders. Hin und wieder macht jeder etwas für lau. Und oft dauert das auch lange. Wenn der Mandant entsprechend mitarbeitet, macht man das auch gerne. Bei mindestens 3000 € laufenden Kosten pro Anwalt und Monat muss aber irgendwann auch Geld verdient werden. Krankenversicherung und Rente bezahlt leider nicht irgendeine nette staatliche Stelle.
    Ich habe in der Regel etwas weniger Probleme mit Vorschuss, da gerade sozialrechtliche Verfahren sehr lange dauern (böser wird es im Arbeitsrecht). Entweder selber zahlen (in Raten), Prozesskostenhilfe oder Rechtsschutz. Berufungen mache ich mitunter mit dem Versprechen, das Geld bei der Gegenseite zu holen - und das hat bisher immer geklappt.
    Das dumme am kostenlos Arbeiten ist häufig, dass man dann für Querulanten tätig wird, die dann auch noch sauer sind, wenn man ihnen die Wahrheit sagt (übertrieben: 100 qm zahlt die Sozialhilfe nicht für Sigles). Oder man wird zum allgemeinen Lebensproblemlöser auserkoren und bekommt mal so jede Woche die laufende Post in Kopie - das macht "mein Anwalt".

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  3. Nur 40.000 Euro in 15 Jahren? Ich scheine viel zu gutmütig (gewesen) zu sein. Bei mir summieren sich die Außenstände schon auf 60.000,- Euro in 10 Jahren. Seit zwei Jahren teile ich den Mandanten vorher mit, was es kostet, wobei ich eher etwas nach oben übertreibe, und mache die Tätigkeit von der vollständigen Zahlung der Gebühren als Vorschuß abhängig. Ich hatte damit gerechnet, daß dies zu weniger Mandanten führt, aber das Gegenteil ist der Fall. Solange man nachgiebig ist und erst einmal für lau tätig wird, scheint sich das nur bei den Nassauern herumzusprechen.

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  4. @Alan Shore:

    Selbst wenn man durch das Vorschussverlangen potentielle Mandanten vergrault, sind es allenfalls die, die ohnehin nicht (freiwillig) gezahlt hätten.

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